Im Grusswort des Kompass Südwestfalen 2018 der Gesellschafter der Südwestfalenagentur und der Ministerin kommt nicht einmal das Wort Kultur vor.
Wohl wird die Abwanderung „Die Jungen zieht es weg“ beklagt und dann die Chancen durch eine Digitalisierung beworben, der kulturelle Aspekt scheint aber in den Gedanken keine so große Rolle zu spielen.
Dabei ist es auch die kulturelle Orientierung nach dem Ruhrgebiet und der Rheinschiene, die für das Nichtzurückkehren der ursprünglich hier Geborenen ursächlich ist.
Seit Jahrzehnten ist der ländliche Raum auch in seiner Selbstwahrnehmung gewohnt, wohl zu funktionieren, aber keine Ansprüche zu stellen. Die große Kultur ist nun einmal in den Großstädten beheimatet, da kann man gar nicht gegen an.

Warum ist das so?
Historisch betrachtet sind die Städte der Rheinschiene und des Ruhrgebietes gewachsen und reich geworden und die IndustriellInnen gaben dann auch gern Geld für die Gründung von Theatern und anderen kulturellen Identifikationspunkten, die im Laufe der Jahrzehnte ihre eigene Strahlkraft entwickelten.
Der ländliche Raum – früher Provinz genannt – stellte Menschen, Produkte und die Naherholung. Dafür konnte er an den kulturellen und industriellen Errungenschaften teilhaben.
Arbeitsteilung sozusagen.

Nur das ist Schnee von gestern.
Die ländliche Region nennt viele „Hidden Champions“ und eine gut funktionierende Dienstleistungsgesellschaft ihr eigen.
Die Strahlkraft des Ruhrgebiets wird mit vielen Maßnahmen am Leben gehalten, die auch viele Fördergelder verschlingen.
Alles um das alte Verständnis und Verhältnis von ländlichem Raum und Großstadt zu erhalten. Sicher auch um den Menschen in den Städten ein angenehmes Leben zu ermöglichen, was ihnen auch gegönnt sein möge.

Die Realität heute ist so:
Wirtschaftlich sind die ehemals ärmlichen Landstriche zu eigenständigen und starken Regionen herangewachsen.
Nur kulturell befinden wir uns, dank der alten Förderpraxis, auf Ehrenamtsniveau. Engagierte Menschen, die es sich erlauben können, halten eine gewisse kulturelle Qualität am Leben. Kulturschaffende, die durch ihrer Hände und Köpfe Arbeit ein mehr als am Existenzminimum spielendes Leben führen, findet man selten.
Zu sehr ist es von allen Seiten akzeptiert, dass die „Provinz“ nicht taugt und die großen Künstler in den Städten zu finden sind.

So setzt die Regionale
auch – wie gewohnt – auf einen hohen Ehrenamtler Anteil, der von wirklich Kulturschaffenden nicht zu leisten ist. Von einem Unternehmer wird auch nicht erwartet, dass er zu Ehrenamtskonditionen sein Unternehmen führt.
Ein Paradigmenwechsel ist nötig, um auch auf kultureller Ebene den Schritt zu vollziehen, dass es die Jungen NICHT wegzieht.

Durch die flächendeckende Digitalisierung der Haushalte ist nun erstmals möglich, die räumlichen Defizite des ländlichen Raums zu kompensieren und eine eigenständige kulturelle Handschrift für die Region zu entwickeln.
Das funktioniert leider nicht mit Ehrenamtlern.
So sehr die Initiative der ideellen Selbstausbeutung auch zu begrüßen ist, darf der Staat nicht hinter diesem ambitionierten Tun seinen Auftrag verstecken. Kultur ist Staatsauftrag, dem sollte der Staat nicht nur in den quirligen Zentren nachkommen, sondern auch dort, wo der größte Teil seiner Steuerzahler sitzt – in den ländlichen Regionen.
Es ist schon bemerkenswert, wie geflissentlich das Förderdefizit der ländlichen Regionen übersehen wird.
Ein Beispiel: Fördersumme der öffentlichen Theater im Städteband von Bonn bis Dortmund über 400 Mio Euro pro Jahr. Fördersumme im bergischen Land, im Sauerland und dem Siegerland, bis auf kleine Ausnahmen Null.
Das ist nur historisch begründbar und verstößt gegen die Gleichstellung.
Nur sind die BewohnerInnen der ländlichen Räume zu bescheiden, um das zu fordern, was ihnen zusteht.

Es gibt noch zwei weitere Gründe, warum die Kulturelle Landschaft in den ländlichen Regionen so arm ist.
Erstens wollen alle Gemeinden „die Kirche im Dorf“ lassen. Das heißt, es wird eifersüchtig darüber gewacht, ob die Nachbargemeinde mehr bekommt und falls dies der Fall ist, gern viel dafür getan, dass das sich ändert.
Dabei ist klar am Beispiel Theater: irgendwo muss der Bau ja stehen, irgendwo geprobt werden, die Aufführungen können dann sicher flächendeckend stattfinden. Es ist ja schließlich CO2 neutraler, ein Theaterensemble von A nach B zu karren, als alle Zuschauenden.
Zweitens hält sich die Begeisterung erfolgreicher Unternehmer für kulturelle Förderung in Grenzen. Ich höre immer wieder, dass die dicken Schecks eher für die Sportvereine ausgestellt werden als für eine kulturelle Förderung.

Damit wagen wir einen Blick auf die Kulturschaffenden selbst, die sich in den ländlichen Regionen über Wasser halten oder knapp drunter.

Wer Erfolg haben will und damit im Umkehrschluss, wer Erfolg hat, geht in die Stadt. So habe ich es gelernt, als ich als Junger Mann Schauspieler wurde. Und prompt ging ich bei erster Gelegenheit von Remscheid nach Düsseldorf. Dieses Selbstverständnis findet sich noch heute oft in den Köpfen der Kulturschaffenden.
Wer sich dennoch „in der Provinz“ hält, wird demütig mit der Zeit. Entweder hat derjenige einen bürgerlichen Beruf, um seine Existenz abzusichern, oder lebt von Projekt zu Projekt, immer vor Augen, wie wenig seine/ ihre Arbeit wert ist. Oder es ist jemand, der seinen/ ihren Unterhalt in den Städten verdient und auf dem Land lebt.

Das Selbstverständnis und das Selbstbewusstsein kann unter solchen Umständen nicht wachsen und gedeihen und leider damit auch nicht das der Menschen auf dem Land, denn die Kulturschaffenden sind tatsächlich der Spiegel der Gesellschaft.

Wenn es also zu einer Trennung des an sich tief in der bürgerlichen Gesellschaft verankerten und völlig richtigen Gedanken des Ehrenamts von der Tätigkeit als Kultusschaffender käme, würde sich der ländliche Raum einen Gefallen tun.

Das kann nicht allein der Staat leisten, ähnlich wie in den damals stark wachsenden Städten des Ruhrgebiets die Unternehmen ihren Aufgaben gerecht wurden, auch dem kulturellen Leben einen Raum zu verschaffen, kann es nun im ländlichen Raum sein.

Was hat die Digitalisierung mit diesen Gedanken zu tun?
Durch die flächendeckende Digitalisierung der privaten Haushalte bietet sich erstmals eine Gelegenheit, den Raum, der zum einen die Schönheit des ländlichen Raumes ausmacht und zum anderen aber zur Vereinzelung bis zum Eigenbrötlertum führte, schrumpfen zu lassen in der virtuellen Welt der Kommunikation.
Die Gemeinde sollte eine digitale Parallele zu ihrer wirklichen Einwohnerschaft anbieten.
Das Netzwerk der Weiler und Dörfer, der Strassen Züge und Ortsteile abgebildet in einem digitalen Netzwerk, das auf dem Server beheimatet ist, das die Gemeinde zur Verfügung stellt.
Ein solches Netzwerk ist technisch machbar und finanziell darstellbar.

Wie könnte die Nutzung eines solchen Netzwerkes aussehen?

Dazu muss ich einen kleinen Diskurs über die Entstehung von kultureller Identität anbieten. Theater zum Beispiel gilt als Spiegel der Gesellschaft, mal als Hohlspiegel, mal als Konvexspiegel mit Colorierung und ohne. Die Theaterschaffenden genießen eine Ausbildung, sind vorher – meist – als begabt klassifiziert worden und schöpfen dann ihr Leben lang aus sich und ihrem Umfeld, um Kunst zu produzieren. Die Werke sind dann nicht nur Bestandteil des Kulturschaffenden, sondern auch Bestandteil der kulturellen Identität des Umfeldes – zum Beispiel der Stadt, in der die Kulturschaffende gewirkt hat oder vielleicht sogar größerer Räume.
Diese Menschen prägen also ihre Umwelt, haben deswegen eine besondere Verantwortung, beispielsweise wie die ÄrztIn für das Leben ihrer Schutzbefohlenen. Man spricht ja nicht ohne Grund von Berufenen.
Wie genau jedoch der Vorgang des kreativen Schöpfens funktioniert, wird immer wieder heiß diskutiert.

Ich möchte die Diskussion fokussieren.
In den USA ist der Director, der Regisseur, eine Sammelfigur, die an erster Stelle den Ablauf und die Umsetzung der Idee sicherstellt, also eher eine Art Kurator. Anders ist das Bild des Regisseurs in Europa, der – zumindest beim Regietheater – mehr eine innere Idee umsetzt und sich dazu des Apparates des Theaters oder Films bedient.
Nun bin ich kein großer Amerikafreund, aber ich verdiene einen Großteil meines Lebensunterhalts im Corporate Events Bereich – also Industrieveranstaltungen. Hier sagt immer der Auftraggeber/in, wo es langgeht, inhaltlich, ästhetisch überlässt der kluge Unternehmende die Gestaltung dem Experten, dem Kulturschaffenden. Ich weiß, dass die Frage, ob für Unternehmen arbeitende kulturschaffend sind, nicht abschließend geklärt ist. Wobei die Kreativwirtschaft ja zunehmend Beachtung erfährt. Dieser Punkt soll hier nicht diskutiert werden.
Wichtig ist das andere Selbstverständnis des Kulturschaffenden. Einmal das Genie, das den Entwurf der ästhetischen Lösung in sich trägt und einmal der kluge Verwalter, der die kreativen Impulse seines Umfeldes bündelt.

Zurück zur Frage der Nutzung des digitalen Netzwerkes im ländlichen Raum.
Wenn die Kulturschaffenden also mehr kluge Verwalter wären, wäre es mehr ihre Aufgabe, die Impulse der Bevölkerung in dem digitalen Netzwerk zu bündeln und dann einen ästhetischen Ausdruck zu verleihen.

Das wäre die Demokratisierung der Kunst. Abstimmungsprozesse führen zu einer Verdichtung eines Theaterstückes, sie definieren vielleicht sogar das Thema eines Theaterstückes. Die Kulturschaffenden beraten den Prozess. An den Stellen, an denen künstlerische Expertise gefragt ist, wird die Entscheidung durch die Kulturschaffenden gefällt.

Das wäre zum Beispiel wirkliches Bürgertheater.
Wer sich inhaltlich beteiligt, will auch das Ergebnis sehen, das Theater wäre voll und würde ein Abbild des demokratischen Prozesses sein, der vorher in der Region stattgefunden hat.
Natürlich unvollkommen, was wieder zu Diskussionen führt, aus denen die kulturelle Identität der Region hervorgeht.

Daraus resultiert eine interaktive virtuelle Diskussionslandschaft, die durch die Werke eine Verortung in der Landschaft erfährt.
Die Kulturlandschaft ist nicht mehr nur bäuerlich geprägt, sondern wird zu einem Park, der sich durch die Beteiligten ständig verändert und ein Spiegel der Meinungen und demokratischen Prozesse ist.

Aber – leider- so etwas kostet Geld und ist nicht durch Ehrenamtler zu leisten. Allerdings besteht hier die Chance etwas wirklich Neues zu schaffen.

Dazu könnte ein Kulturschaffender und eine digitaler Expertin die Gemeinden beraten, um den Aufbau und die Nutzung eines regionalen digitalen Netzwerkes zu begleiten. Dieses Team könnte die Region beraten, da die Strukturen der Gemeinden ähnlich sind.

Erst der Zusammenschluss der Gemeinden in der virtuellen Welt lässt eine größere Gruppe wachsen, die digital und betreut durch Kulturschaffende miteinander kommuniziert.

Deshalb beantrage ich die Schaffung eines solchen Teams.
Kai Mönnich